Kommentar von Klaus Heer

Paar- und Familientherapeut

Wussten Sie, dass wir alle während der ersten fünf Wochen im Mutterleib werdende Frauen waren? Wussten Sie, dass viele Frauen im Bett lustlos sind, weil sie wirtschaftlich von ihren Männern abhängig sind und es schlecht aushalten? Wussten Sie, dass ungefähr jedes 5. Kind nicht von seinem gesetzlichen Vater stammt – und der weiss von nichts? Wussten Sie, dass es in der Schweiz jährlich etwa 2,2 Millionen Seitensprünge gibt? Und wussten Sie, dass seit August 1999 die weltweite «Erklärung der sexuellen Menschenrechte» existiert?
Kaum zu glauben, welche breitgefächerte Fülle an Informationen zum Thema Sexualität allein das erste von zwölf Kapiteln der CD-ROM bringt. «Männlich und weiblich» heisst das Kapitel; es beschäftigt sich über 226 Seiten mit allen erdenklichen Aspekten der Tatsache, dass wir als Mann und Frau Mensch sind und es partout nicht lassen können, uns voneinander angezogen zu fühlen. Alles ist da, das altchinesische Yin-Yang, das indische Tantra, Platon, die Bibel und die lustfeindlichen Kirchenväter, das mittelalterliche Liebesverlangen, Sigmund Freud natürlich, C.G. Jung und Wilhelm Reich sowie die wichtige Unterscheidung zwischen dem Geschlecht als biologische Tatsache und soziale Gegebenheit. Spannend die Geschlechterrollen und –Normen, wie sie sich im Laufe der Zeit verändert haben, ebenso die dornenvolle Geschichte von Macht und Ohnmacht zwischen Männern und Frauen – praktisch immer zum Nachteil der Frauen, die sich schliesslich entschieden gegen die Unterdrückung zur Wehr setzten. Gleichberechtigung und Gleichstellung der Geschlechter machen es erst möglich, dass sich Mann und Frau herrschaftsfrei und erotisch begegnen können.
Dort, wo stiere Mythen und Klischees allzulange den intimen Geschlechterkontakt sabotierten, soll Unvoreingenommenheit ganzheitliche Berührung ermöglichen. Als Kronzeugen für die geglückte männliche Sexualität lässt der Autor zu Recht den amerikanischen Sexualtherapeuten Bernie Zilbergeld auftreten. Die deutsche Sexualforscherin Kirsten von Sydow vertritt – etwas weniger überzeugend – die weibliche Seite.
Drei starke Akzente schliessen den Textteil ab: Die Geschlechter werden nicht verschwinden in seichtem Unisex, sondern seien eingeladen, sich zu versöhnen. Mann und Frau sollten sich niemals dem Diktat des «Wie-es-zu-sein-hat» beugen. Vielmehr gelte es, die unerlöste Kraft des Eros zu entdecken. Und die elf Bestimmungen der «Erklärung der sexuellen Menschenrechte» bringen Freiheit, Würde und Gleichheit aller Menschen überzeugend zum Ausdruck.
Ebenso eindrücklich ist der zweite Teil des Kapitels: 44 Arbeitsblätter machen die Lernmaterie griffig und handlich. Die Vorlagen eignen sich als Folien oder fotokopierbare Texte, die im Plenum oder in der Kleingruppenarbeit hervorragende Dienste leisten können. Die meisten Arbeitsblätter sind anregend konzipiert, auflockernd, kreativ und manchmal sogar ausgesprochen humorvoll. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses Lernmaterial die Leute unberührt und unbewegt lässt. Schliesslich ist offensichtlich: Die 44 Arbeitsblätter sind das Wichtigste! Denn der Sinn der CD muss sein, die Zielgruppen zu befähigen und verlocken, der weitverbreiteten sexuellen Sprachlosigkeit zu entkommen und für das Unaussprechliche Worte zu finden. Mit Händen und Füssen lässt sich über Sexualität und über mich als Frau oder Mann nicht einmal das Allernötigste mitteilen.
Ueberaus wertvoll für mich sind auch die vielen eingestreuten Hinweise auf Internet-Adressen zum Thema; ein Klick genügt, und ich bin da!
Was mir an dieser silbrigen Scheibe am meisten imponiert: So viel Wissen und kein bisschen Besserwisserei! Auch keinerlei moralische Rechtschaffenheit! Das ist wohltuend. Wer sich nämlich anschickt, mit aufklärerischem Anspruch über Sexualität zu reden, muss eine Haltung haben und eine Sprache finden, die ein muffiges Thema zu belüften vermögen. «Beziehungs-weise» bringt Sauerstoff in die Köpfe.
Uebrigens: Wussten Sie, dass die Natur mindestens elf Geschlechter kennt und nicht nur zwei? – Seit «beziehungs-weise» weiss ich das.