Sexualpädagogik an Schulen: Worum es im Unterricht wirklich geht
5. März 2026
Die im St.Galler Kantonsrat eingereichte Interpellation zur Sexualpädagogik an Schulen wirft Fragen auf. Die Fachstelle für Aids- und Sexualfragen der Aids-Hilfe St.Gallen-Appenzell informiert deshalb offen darüber, wie sexualpädagogische Einsätze ablaufen und was Kinder und Jugendliche lernen.
Text: Adrian Knecht
Beitragsbild: Sexuelle Gesundheit Schweiz

Sexualpädagogik an Schulen ist eine wichtige Massnahme im Bereich der öffentlichen Gesundheit und Prävention. Sie ist weder Provokation noch Ideologie. Kinder sollen ihren Körper besser verstehen, Grenzen benennen können und wissen, wo sie Hilfe bekommen, wenn sie verunsichert sind. Ziel ist es, dass junge Menschen über das nötige Wissen und die Kompetenzen verfügen, um selbstbestimmt und informiert Entscheidungen treffen zu können. Die Fachstelle für Aids- und Sexualfragen arbeitet dabei sachlich, respektvoll und diskriminierungsfrei. Adrian Knecht, Geschäftsleiter der Fachstelle für Aids und Sexualfragen, sagt: «Wir haben mit den Kantonen St.Gallen, Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden eine Leistungsvereinbarung. Unser Auftrag ist die altersgerechte Vermittlung von wissenschaftlicher Information und die Entwicklung von Handlungskompetenzen hin zu einer selbstbestimmten Sexualität. Sexualaufklärung in der Schule ist der Grundstein für sexuelle Gesundheit.»
So läuft ein Unterricht ab
Die Schule, welche die Dienstleistungen der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen in Anspruch nimmt, ist Auftraggeberin und legt den Rahmen des Unterrichts fest. Fachpersonen der Fachstelle bringen hochwertige Informationen ein und arbeiten nach klaren Zielen, die den Lehrplan als Basis haben. Der Unterricht richtet sich nach dem Alter der Kinder bzw. Jugendlichen, ihrem Entwicklungsstand und den Fragen, die sie einbringen. Gerade in der Mittelstufe ist das Vorwissen sehr unterschiedlich, oft verbunden mit Halbwissen, Unsicherheiten und falschen Vorstellungen und Annahmen. Deshalb braucht es einen geschützten Rahmen, in dem Fragen gestellt werden können, ohne dass Kinder ausgelacht oder blossgestellt werden. Ob die Klassenlehrperson während des Unterrichts anwesend ist, wird mit der Schule im Vorfeld abgesprochen. In der Regel ist es sinnvoll, dass die Kinder mit der externen Fachperson ohne Klassenlehrperson sprechen können. Dieses Setting hat sich bewährt. Absprachen mit der zuständigen Lehrperson finden vor und nach dem sexualpädagogischen Unterricht statt. Gleichzeitig bleibt die Elterninformation zentral. Viele Schulen informieren im Voraus, etwa mit einem Elternabend oder mit schriftlichen Unterlagen. Bei Fragen steht die Fachstelle zur Verfügung und begrüsst das Gespräch. Die Kommunikationshoheit bleibt jedoch bei der jeweiligen Schule, respektive Auftragsgeberin.
Viele Einsätze, grosse Zufriedenheit
Die Aids-Hilfe St.Gallen-Appenzell existiert seit gut 40 Jahren und ist mit ihrer Fachstelle in der Sexualpädagogik tätig. Allein in den Jahren 2023 bis 2025 führte sie 783 Einsätze durch und erreichte 8’283 Personen. Rückmeldungen von Eltern oder Lehrpersonen gibt es immer wieder – vereinzelt auch kritische. Das ist bei einem sensiblen Thema normal. Nach Erfahrung der Fachstelle lassen sich Fragen in den meisten Fällen im direkten Austausch klären. Eskalationen, bei denen die Arbeit von Fachstellen der sexuellen Gesundheit politisch zugespitzt diskutiert werden, sind selten. Adrian Knecht sagt: «Wir nehmen Rückmeldungen von Eltern ernst. Wir erklären Ziele und Methoden verständlich und wir bieten den Dialog an. Die grosse Mehrheit unserer Einsätze verläuft ruhig und konstruktiv.»
Kinder stärken, nicht verunsichern
Auslöser der aktuellen Diskussion ist ein Unterricht an der Primarschule Bütschwil vom 25. November 2025. Im Vorfeld fand ein Elternabend statt. Im Nachgang gab es Rückfragen. Danach wurde eine Strafanzeige eingereicht. Die Staatsanwaltschaft eröffnete jedoch kein Strafverfahren. Deshalb betrachtete die Aids-Hilfe St.Gallen-Appenzell die Angelegenheit als abgeschlossen. Gemäss aktuellem Kenntnisstand fand der Unterricht im üblichen, fachlichen Rahmen statt. Zu einzelnen Darstellungen aus der Interpellation äussert sich die Fachstelle nicht öffentlich. Der Schutz der Kinder und ihrer Privatsphäre hat Vorrang. Für die Aids-Hilfe St.Gallen-Appenzell ist klar: Politische Fragen dürfen gestellt werden. Wichtig ist aber, dass die Debatte sachlich bleibt und den Blick auf das Wesentliche nicht verliert. Sexualpädagogik soll Kinder stärken, nicht verunsichern. Sexualaufklärung stärkt die Lebenskompetenzen, fördert die Kenntnis der sexuellen Rechte und wirkt dadurch präventiv. Diese wichtigen Wirkungsziele sollen auch in der politischen Debatte im Fokus bleiben.





